Samstag, 10. November 2012

Something about Canada - Teil 2

Knapp zwei Monate touren wir nun also durch ein Land, das international im Prinzip fuer nichts Ausserordentliches bekannt ist - ausser Ahornsirup und Schnee. Da wir unseren kanadischen Freunden in wenigen Tagen bereits den Ruecken kehren, ist es dementsprechend an der Zeit fuer einen kurzen Rueckblick auf das Leben in Kanada, der auf unseren ganz eigenen subjektiven Erfahrungen beruht.

Teil 2: Lebensart, Kultur und Wetter


Wenn ich mich festlegen meusste, was ich nach meinen zwei Monaten wohl als typisch kanadisch empfinde, waeren es wohl die folgenden Dinge:

Pickup fahren

Egal, ob es Sinn macht oder nicht, der normale Kanadier meint, einen Pickup fahren zu muessen. Umso groesser, umso besser. Selbst kanadische Bauarbeiter, deren teilweise suendhaft teures Equipment sicher unter dem Dach eines geschlossenen Transporters besser aufgehoben waere, schwoeren auf ihren Pickup. Andere Laender, andere Sitten.

 

Supersize-Mentalitaet

Nun, es ueberrascht sicherlich niemanden, dass Amerikas kleiner Bruder einen Haufen typisch-amerikanischer Gepflogenheiten uebernommen hat. Insbesondere die Supersize-Mentalitaet ist fuer einen Europaeer recht ungewohnt. In den oertlichen Walmart Superstores wird die kanadische Bevoelkerung gerade zu dazu genoetigt, massenhaft einzukaufen. Insbesondere die Produkte ohne Naehrwert werden zu attraktiven Sparpaketen geschnuerrt, sodass es beispielsweise fuenf Tueten Chips zum Preis von Dreien gibt. Die Tendenz zur Fettleibigkeit kommt insofern auch nicht von ungefaehr.


Nationalstolz

Es ist schon relativ witzig, wie stolz die Kanadier auf ihr eigenes Land und ihre Errungenschaften sind (was inbesondere durch eine Flut an Nationalflaggen zur Geltung kommt), sie sich aber gleichzeitig bewusst sind, dass ihre historische Existenz gar nicht genuegend Naehrboden fuer einen derartig ausgepraegten Nationalstolz liefert. Beispielsweise Calgary wuerde erst 1875 gegruendet. Ironischerweise wird diese "Wir sind ein junges Land"-Philosophie dann wiederum auch gerne genutzt, um gewisse Missstaende damit zu entschuldigen. Obwohl es jedes Jahr aufs neue wie aus Kuebeln schneit, gleichen saemtliche Gehwege immer wieder einzigartigen Rutschbahnen - was auch seinen Reiz haben kann. Auf die Nachfrage, warum das denn so sei, hoerten wir wiederum zumeist:  "Wir sind immer noch ein junges Land."


Abrenzung zu Amerika

Achtung, nun wirds wild: Kanadier koennen die, ihrer Meinung nach, "grosskotzigen" und "arroganten" Amerikaner nicht wirklich ausstehen. Wie viel USA bereits in Ihnen selber steckt, scheinen sie dabei auf gekonnte Weise zu verdraengen bzw. zu ignorieren. Ihre Abneigung gegen eine amerikanische Kultur, die trotz alledem sehr gegenwaertig ist, muendet schlussendlich in teils unsinnigen, aber zumindest originellen Abgrenzungsversuchen. Ein recht stellvertretendes Beispiel: Football wird hier mit lediglich drei Angriffsversuchen gespielt und Ziel des Ganzen ist es, das Spiel noch schneller und abwechslungsreicher zu machen. Schlussendlich sorgt diese kanadische Regelaenderung jedoch vielmehr fuer ein viel chaotischeres und unansehnlicheres Spiel. Ein Beispiel, das absolut uebertragbar auf eine Vielzahl kanadischer Abrgenzungsversuche ist. Deshalb stellten Robert, Michel und ich in guter alter Zeugnissprache auch unisono fest:

"Kanada war stets bemueht."



Wetter

Was das Wetter betrifft, habe ich definitiv neue Extreme kennengelernt. Nachdem es seit Mitte Oktober zwei Wochen durchgeschneit hatte und die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt lagen, konnte ich stinknormal am 03.11.2012 in T-shirt und kurzer Hose meinen alltaeglichen Jogginglauf in Angriff nehmen. Kaum hatte ich wieder etwas Spass an sportlicher Betaetigung ausserhalb der Wohnung gefunden, begruesste mich jedoch wieder Vaeterchen Frost mit eisigen -10 Grad und heftigem Schneefall. Das Wort wechselhaft erhaelt in dieser Hinsicht definitiv neue Superlativen.     

 

Social-Media-Sucht

Da auch Kanada den Europaeern in dieser Hinsicht noch etwas voraus ist, kann ich leider Dinge prophezeien, die vor allem europaeische Traditionalisten schocken werden: Offline gibt es nicht mehr. Ich war mit dem ganzen Dilemma der Facebook-Sucht bereits in Deutschalnd ausreichend konfrontiert, jedoch was man diesbezueglich hier erlebt, toppt noch mal alles.
Jede Redepause, jedes sekundenlange Schweigen, jede rote Ampel,  jede Bahnfahrt und jeder Toilettengang hat hier seinen Zweck: Smartphone raus, Facebook an. Das Unfassbare: Das gilt nicht nur fuer irgendwelche Teenies oder Pubertierenden, auch Familienvaeter mit zwei Kindern und Ehefrau zuecken ihr Handy, trotz noch so unuebersichtlichen Feierabendverkehrs und checken erstmal Statusupdates.

Keineswegs will ich mich hiermit zum antimodernen Hueter der Briefkultur aufschwingen, doch vor dieser Zukunft graut es mir ein wenig.