Samstag, 20. Oktober 2012

Zeit für ein (emotionales) Resümee


Einen Monat sind die drei Musketiere nun also weit weit entfernt von zu Hause unterwegs und es ist seitdem eine Menge passiert. Eine Nachbetrachtung zum wohl bisher spannendsten Monat unseres Lebens.

Wie der ein oder andere Interessierte unter Euch sicher bereits mitgeschnitten hat, begann unser ganzes Abenteuer eigentlich unter schlechtesten Vorzeichen. Die Videospielcompany, die uns monatelang einen Traumjob vorheuchelte, gab uns zwei Wochen vor Abflug den Laufpass und wir kamen im Prinzip mit nichts, außer vollgepackten schweren Taschen und viel Fantasie nach Kanada. 

Nach einem endlosen Flug empfing uns unser erster Couchsurfing host Jean Philippe kurz nach Mitternacht mit mittelmäßiger Laune und in Shorts. Trotz eines kurzen Smalltalks - der zumindest offenbarte, dass JP ein halbwegs anständiger Typ ist - war die Situation an sich einfach nur strange. Plötzlich lag ich In der Wohnung eines Fremden in einem noch fremderen Land, dessen Sprache ich auch höchstens mittelprächtig beherrsche, auf dem Sofa. Deshalb  will ich im Nachhinein auch gar nicht wissen, wie viel Zeit ich mit offenen Augen auf JP‘s viel zu kleinen Couch in Embryonalstellung  verbrachte und mich fragte:
Alter, du liegst hier irgendwo in Montreal auf einer fremden Couch, hast vielleicht Geld für zwei Monate -Wie gehst jetzt eigentlich weiter?

Unsicherheit, eigentlich ein Begriff, mit dem ich in meinem bisherigen Leben nur selten konfrontiert wurde, insbesondere auf einem anderen Kontinent.

Es folgte: das große ABER.  Denn nachdem wir mit Mavie und Gab, unseren zweiten Couchsurfing hosts, so wundervolle Menschen kennengelernt hatten, die uns einerseits die Welt zu Füßen legten und andererseits  eine wundervolle Lebensphilosophie repräsentierten, entwickelte sich meine persönliche Gefühlsachterbahn zunehmend horizontal, da bereits unsere beiden Punkladies andeuteten, dass es tatsächlich überall Menschen gibt, die sich selbstlos um dich kümmern, egal,  ob du fremd bist oder nicht, ob du Punker bist oder nicht.

Dennoch wussten wir auch während dieser einmaligen Zeit:

Wer reisen will, braucht Geld.

So viel wie irgendwie möglich. Und in diesem Kontext gab es, tragischerweise, leider keine unpassendere Stadt als Montreal. Deshalb folgten wir mehr oder weniger durchdacht den Stimmen, die wir schon seit  unserer Ankunft hörten, deren Wahrheitsgehalt wir allerdings zu keiner Zeit wirklich einschätzen konnten.
“Just move west. They have jobs there everywhere.

Na gut, also moven wir mal west – wie Feivel der Mauswanderer.  Irgendetwas wird schon dran sein an den Gerüchten und so beförderten wir erneut die einzige Konstante unserer Reise, die vollgepackten Taschen, in den Greyhoundbus und machten uns auf den 3.500Km langen Weg in die nächstgrößte west-kanadische Stadt Calgary. Nach unseren beiden Zwischenstops in Thunder Bay und Regina waren wir uns schnell einig:

Zum Glück sind wir auf Reisen gegangen.

Warum? Schemenhaft zusammengefasst: Weil wir Menschen kennengelernt  haben, durch die wir familiäre Atmosphäre genießen konnten, ohne auch nur im Ansatz mit verwandt zu sein. Ein Beispiel: Unser  Gastgeber in Regina, Susann, der wir recht unverzüglich mitteilten, dass wir eigentlich nur auf der Durchreise sind, um im Westen Geld zu verdienen, drang uns quasi dazu, ihren Zaun zu streichen und stellte uns Farbe zur Verfügung, die vielleicht für 45 Minuten Kunstunterricht gereicht hätte – aber niemals für  einen ganzen Zaun. Als wir ihr dann mitteilten, dass wir nach drei Stunden Arbeit keine Farbe mehr hatten, um weiterzumachen, nickte Susann dies breitwillig ab und legte uns am nächsten Morgen jeweils 60$ auf den Tisch. Unser erstes ehrlich verdientes Geld fühlte sich zwar irgendwo nett an, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Susann ihren drei deutschen Travellern einfach nur helfen wollte.

Dennoch kehrten mit unserer Ankunft in Calgary auch die Sorgen wieder zurück. Angeblich sollte es recht einfach sein, mit den Websites kajiji.com und craigslist.com  zumindest vorübergehende Arbeit zu finden -  fail. Erst nach etwa 847 Kontaktversuchen und ungefähr 848 Absagen erklärte sich schließlich ein Bauunternehmer mit deutschen Wurzeln bereit,  uns zu beschäftigen.  Was für uns den absoluten turning point bedeutete.
Denn trotz aller Aufs und Abs hatte sich Im Endeffekt nichts an der wesentlichen Konstellation für uns drei geändert: Wir sind in den Westen Kanadas über 3500 Km gefahren – was übrigens Paris-Moskau entspricht -  und haben nun – endlich - einen Job. Zwar ist es einerseits sicher alles andere als eine Traumvorstellung als sogenannter Geisteswissenschaftler mit schwer körperlicher Arbeit sein Geld zu verdienen, jedoch können wir bereits nach vier Tagen Arbeit resümieren, dass unser aktueller Arbeitgeber aufgrund seiner geschmeidigen Philosophie absolut genial für uns ist. Es wird zwar durchaus hart gearbeitet, aber es macht sich definitiv niemand tot und zudem sind unsere Vorarbeiter allesamt formidable Typen – die auch gern mit uns andere (noch) unfähigere Hilfsarbeiter verurteilen J.
Nun, sicher ist dies nicht die totale Verwirklichung des amerikanischen Traums für uns, doch so ganz unangemessen erscheint jeglicher Gedankengang in diese Richtung nicht. Denn auf diese Weise können wir verhältnismäßig entspannt die finanzielle Grundlage für eine gelungene Weltreise schaffen und andererseits erlebten wir allein durch die Reise ach Calgary Einmaliges, das keiner von uns mehr missen möchte.

Übrigens: Wir wohnen immer noch bei Luke.  Der nächste Blog wird sich mit dieser immer noch bizarren Situation befassen.

Beste Grüße nach Deutschland

Und ich drücke alle Daumen, die ich habe, dem BVB für morgen. Zumindest insofern ich keine Schaufel in der Hand habe und graben muss.