Mittwoch, 3. Oktober 2012

What the fuck?

Es ist fast schon unfassbar, was für eine unglaubliche Achterbahnfahrt wir mit unserem aktuellen Host namens Luke (33) in Calgary erleben. Nachdem er, wie bereits im vorigen Blog erwähnt, ein sehr merkwürdiges Jobangebot unterbreitete, bestätigte sich der merkwürdige Eindruck zunächst bis ins Unheimliche. Denn statt des üblichen Smalltalks ging Luke gleich zur Begrüßung am Bahnhof in die Vollen und wählte als erstes Gesprächsthema, wie er das vorhandene System hasst und was seine Probleme damit sind.
What the fuck? 
Die Problematik nach elf Stunden Busfahrt sofort derartig tiefgründige Diskussionen führen zu müssen, ist sicher nachvollziehbar und sie manifestierte sich vor allem in minutenlangem Schweigen unsererseits - und endete schlussendlich in einem Monolog Lukes.

Lukes luxuriöse Wohnung
Nicht weniger strange wurde es am Morgen danach. Denn dort weckte uns kurioserweise Lukes besorgte Mutter und erklärte uns, in was für einer konfusen Situation sich unser Gastgeber gerade befindet und nährte jegliche bereits vorhandene Skepsis unsererseits. Zur Situation: Luke ist im Prinzip Walden von Two and a Half Men. Er lebt in einem absoluten Luxusapartment, das vermuten lässt, wie viel Geld er in seinem Job verdient haben muss, den er vor wenigen Monaten kündigte. Zudem hat ihn seine schwangere Frau (temporär?) verlassen, sein Bruder ist kürzlich verstorben und zusätzlich wurde ihm ADHS diagnostiziert. In einem Satz: Er durchlebt gerade die schlimmste Zeit seines Lebens.

Dementsprechend kamen wir spätestens nach unserem Rendezvous mit Lukes Mutter einstimmig zu dem Entschluss: Luke, wir müssen reden. In besagtem Gespräch schilderte uns Luke, detailliert und emotional durchaus berührt,  seine momentane desaströse Situation und wir führten ein extrem intensives Gespräch, in dem der 33-jährige ehemalige Besitzer einer Baufirma uns all seine Sorgen mitteilte, seine verquere Situation völlig nachvollziehbar erklärte und jegliche Angst bzw. Vorhaben der sofortigen Abreise auf unserer Seite nach und nach schwanden.
Unser Platz des Schaffens
Denn gemeinsam stellten wir fest: Trotz der ein oder anderen Eigenheit ist Luke prinzipiell ein guter, wenn nicht sogar ein sehr guter, Mensch, dem wir vielleicht sogar weiterhelfen können in seiner Midlifecrisis.

Also: Macht euch keine Sorgen in der Heimat, wir wissen genau, worauf wir uns einlassen. Luke ist definitiv anders ("I don't fit into this fucking system"), aber er ist kein Mensch, vor dem man Angst haben müsste.

Ach ja, der besagte Job, den uns Luke offerierte, ist übrigens gar nicht so absurd. Wir sollen in der unteren Etage des Hauses alle Wände einreißen und sozusagen die Bedingungen für ein unterirdisches Loft herrichten. Ein Job, den wir in den kommenden zwei Tagen erledigen werden und uns anschließend wieder auf die Reise begeben.

Ps. Nachdem wir vor zwei Tagen noch am Strand lagen, hat es heute in Calgary geschneit.