Freitag, 19. Dezember 2014

Kommentar: Stoppt die Auslands-Glorifizierer!



Es sei mal dahingestellt, ob dieses Wort so überhaupt existieren kann,  aber es trifft den Kern der Sache einfach zu gut. Wer kennt sie nicht? Diese Menschen, die gerade zurück aus Kenia, Bolivien, Australien oder Kanada sind und die Quintessenz ihrer Erzählungen auf dasselbe hinausläuft: Dort ist alles besser und grundsätzlich überschwänglich toll. In Münster, Rostock oder München hingegen ist es einfach unglaublich öde und langweilig. Und am allerbesten: „Wenn ich könnte, würde ich sofort wieder zurück.“ 

Klar darf man einen bestimmten Ort der Welt besonders gern haben, aber damit muss man nicht alles, was man bis dato sein zu Hause nannte, herabwürdigen. Ich habe bis heute Bekannte, die vor sechs Jahren einige Monate im Ausland waren und immer noch täglich darüber erzählen, wie wahnsinnig das war.

Get a Life!

Natürlich ist es einfach, eine Zeit zu glorifizieren, während derer man sich täglich die Sonne auf den Bauch scheinen ließ und die entscheidende Frage des Tages war, ob ich heute nur bei Bier bleibe oder mir doch noch was Hochprozentiges hole. Aber deswegen ist woanders längst nicht alles besser. Es ist schlichtweg unfair, sein „langweiliges“, gegebenenfalls mit Sinn erfülltes, (Arbeits-)Leben mit einem absoluten Larifari-Leben zu vergleichen. Den Unterschied zwischen Ostseebad Binz und den Stränden von Kalifornien wird wohl jeder selbst ausmachen können, aber die endlose Glorifizierung von den Menschen, die grundsätzlich alle viel cooler und entspannter waren, nervt einfach nur noch. Vielleicht sollte man sich dann viel mehr Frage stellen: Was mache ich in Deutschland dann eigentlich falsch?

Mir geht es in Indien zum Beispiel gerade wahnsinnig auf den Geist, dass jeder Gang zur Metro eine Nahtoderfahrung ist, weil im Sekundentakt Autospiegel meine Oberarme berühren und in der Regel etwa zehn Zentimeter zwischen angefahren werden oder nicht angefahren werden entscheiden. Auch in der Metro selbst gleicht es einem absoluten Überlebenskampf. Bereits zwei Stationen bevor ein Inder die Bahn verlassen will, drängelt er sich bereits in Richtung Tür und verbreitet allgemeine Panik. Entspannt Musik hören auf dem Weg zur Arbeit? Unmöglich! Vom täglichen Russischen Roulette an den Zebrastreifen ganz zu schweigen. Und wisst ihr was nun der wesentliche Unterschied ist? Dass ich genau diese Dinge auch den Leuten erzähle, die mich fragen werden, wie es denn so war in Indien. Bei 95% der anderen Reisenden fällt das nämlich stillschweigend unter den Tisch oder bei ganz abzockten Glorifizierern ist die Wahrnehmung bereits so weit manipuliert, dass solche negativen Nebengeräusche gar nicht mehr wahrgenommen werden.

Natürlich feier ich den Sonnenschein, die Diversität und die natürliche Schönheit Indiens bzw. der schönen Fleckchen dieser Erde auch bis zum Abwinken, aber das ändert nichts daran, dass es dort ebenso eine Unmenge von gesellschaftlichen Defiziten gibt, die auch bei jedem Reisebericht nicht fehlen sollten. 

In Deutschland ist wahrlich nicht alles gut und ich bin weit entfernt davon, auf umgekehrte Weise Deutschland zu glorifizieren, aber 99% der Reiseberichte sind schlichtweg viel zu eindimensional und kaum mehr zu ertragen.
Oder wie seht ihr das?