Dienstag, 11. November 2014

Inder und Fußball - ein komisches Verhältnis

Nachdem ich über einen Monat lang intensivst versucht habe, Inder zu finden, die dem runden Leder genauso gerne hinterherjagen wie ich, habe ich nun mehr oder weniger aufgegeben. Facebook-Einträge, E-Mails und Anrufe - es hat alles nichts geholfen. Ich muss mich wohl oder übel damit abfinden, meinem liebsten Hobby, dem Fußball, hier nicht nachgehen zu können. Selbst in Nicaragua, Panama oder Costa Rica hatte ich immer wieder heiß umkämpfte Matches mit den Locals am Strand ausgetragen. In Indien scheint das leider unmöglich. Und das trotz einer gerade ins Leben gerufenen und mit internationalen Altstars gespickten indischen Fußballliga (ISL), die durchaus etwas Glamour versprüht.

Es ist eigentlich kaum zu glauben, aber dennoch wahr: Fußball-Weltmeister wie Alessandro Del Piero oder Robert Pires aber auch Weltstar Nicolas Anelka oder Manuel Friedrich (kürzlich noch beim BVB) schnüren die Töppen mittlerweile für indische Fußball-Clubs in Delhi (Dynamos FC), Mumbai (City FC) oder Goa (FC). Vom Spotlight der Fußball-Öffentlichekeit aus Chelsea, Dortmund oder Turin an den Tellerrand des Fußballgeschehens - diesen Schritt musste sich der ein oder andere Fußball-Opa sicher reiflich überlegen. Das Erschreckende dabei: Die Begeisterung der Inder darüber nähert sich offensichtlich dem Gefrierpunkt. Auf den Straßen und in den Parks wird weiterhin der Cricket-Schläger geschwungen – und sonst nichts. Das liegt vielleicht auch daran, dass schon der Slogan der ISL („Let’s Football“) und die gesamte Aufmachung der Liga etwas plastisch und uninspiriert daherkommt. Bei einer Werbeaktion der ISL in Delhi - wo ich zufällig anwesend war - scheiterten die handgezählten 20 Besucher ernsthaft daran, die acht verschiedenen Clubs der ISL aufzuzählen. Von Spielernamen oder Ergebnissen ganz zu schweigen.

Die indischen Zeitungen finden zwar zunehmend Gefallen am Fußball, doch steckt dahinter zumeist eine Expertise, als ob Lothar Matthäus über sympathische Selbstvermarktung schreiben würde. Am rechten Bildrand befindet sich mein persönliches bisheriges High- bzw. Low-Light. Ein Journalist der Hindustan Times beklagte vergangene Woche ernsthaft, dass Tim Howard - in europäischen Kreisen eher für sein Tourette-Syndrom denn sein brilliantes Torwartspiel bekannt (z.B. siehe hier) - nicht bei der Wahl zum Weltfußballer berücksichtigt wurde. Ich dachte kurz, ich träume und blätterte eine Seite weiter. Und was lese ich als nächstes? Vom überragenden Spiel des NBA-Shooting Guard Kevin Love (einer der besten Power Forwards der NBA). Die Sport-Expertise der Inder abseits vom Nationalsport Cricket scheint demnach selbst in den großen Tageszeitungen sehr lückenhaft.   

Die Inder und Fußball – ich hatte mir ehrlich gesagt etwas mehr erhofft. Zumindest hatte ich es für möglich gehalten, den ein oder anderen Freizeit-Kick zu finden, um mich ein bisschen auszutoben. Dem steh ich nun eher skeptisch gegenüber. Statt schweißtreibender Matches gegen die Einheimischen erwarten mich nun stumpfe langweilige Trainingseinheiten im Fitnessstudio. Vielleicht haben mich deutsche Medien auch etwas zu sehr vom angeblichen Hype der ISL überzeugt. Andererseits: Vielleicht braucht die ISL und eine Dynamik der Fußball-Begeisterung auch einfach noch etwas mehr Zeit und vor allem Liebe, um nachhaltig zu wachsen.