Samstag, 8. Dezember 2012

14 Tage New York: Wenn der Wahnsinn normal wird


Vor genau zwei Wochen begann meine persönliche „Ein Leben in New York“-Simulation unter den schillernden Lichtern des Times Square und das kollektive Chaos von endlosen Menschenmassen, die allesamt hektisch den Broadway entlang eilten, war mir als gutem alten Kleinstadtstudenten zunächst deutlich zu viel. Zwei Wochen später sieht die New Yorker Welt jedoch plötzlich ganz anders aus. Wie aus dem Chaos Normalität wurde.

Ich erinnere mich noch recht gut, wie hilflos und aufgeschmissen ich am ersten Tag meines New-York-Aufenthalts am pulsierenden Zentrum der Stadt, dem Times Square, in die grell aufleuchtenden überdimensionalen Werbescreens starrte und mich fragte: Warum gehen die Menschen hier eigentlich alle so unfassbar schnell? Warum sind hier alle so furchtbar hektisch? Und überhaupt: Wozu haben die New Yorker eigentlich so viele Ampeln in der Innenstadt, wenn ohnehin jeder macht, was er will?

Bereits zwei Wochen später weiß ich die ein oder andere Antwort auf meine einschüchternden Fragen aus den Anfangstagen: Wer steht, verliert. In der Region um den Broadway hat sich schlichtweg ein eigendynamisches Verkehrssystem aus Fußgängern, Bussen und Autos entwickelt, das den Anforderungen niemals endender Menschenströme am Besten gerecht wird.
Um in der allgemeinen Hektik New Yorks auch nur ansatzweise voranzukommen, bedarf es eines fokussierten, zielstrebigen und ausgesprochen zügigen Ganges – auch wenn man nicht den Hauch einer Ahnung hat, wo man eigentlich hin will. Denn andererseits degradieren die gestressten Menschenmassen des Big Apples den Ahnungslosen via „Excuse me“ oder „Sorry“ unverzüglich zum humanen Spielball und treiben ihr Spielgerät rücksichtlos durch die pulsierenden Adern der Stadt. Um dennoch so etwas Ähnliches wie eine Verkehrsordnung im Zentrum der Stadt zu gewährleisten, existieren etliche Ampeln und zahlreiche Polizisten, die zeitweise versuchen den Verkehr zu regeln. An für sich ist dies in Anbetracht der unkontrollierbaren Menschenmassen jedoch eine Sisyphos-Aufgabe. Es bahnt sich so oder so jeder Mensch seinen eigenen Weg durch die geschäftigen Straßen New Yorks – ohne Rücksicht auf Verluste. Da tut es auch nichts zur Sache direkt vor einem NYPD-Officer die Straße bei Rot zu überqueren. Weder für den Passanten, noch für den Polizisten.

Insofern kommt es auch nicht von ungefähr, dass ich mich nach und nach immer häufiger dabei ertappe, wie plötzlich ich der erste Fußgänger bin, der todesmutig zwischen noch so kleinen Verkehrslücken die Straßenseite wechselt und empört aufstöhnt, wenn ihm mal wieder so ein nervtötender Tourist im Weg steht.  Der Spirit New Yorks geht mit einer rasenden Geschwindigkeit in das eigene Fleisch und Blut über und es würde mich nicht sonderlich überraschen, wenn der ein oder andere NY-Neuankömmling, mir bereits aufgrund meiner neu erworbenen Unerschrockenheit ungläubig nachgestaunt hat.

Eine weitere interessante – potenziell auch durchaus gefährliche – Kombination ist zudem das Zusammenspiel aus Hochgeschwindigkeits-Fußgängerzone und amerikanischer Smartphone-Abhängigkeit, welche  ausnahmslos in allen Situationen des Alltags ausgelebt wird. Demzufolge auch in der Fußgängerzone inmitten Tausender weiterer Passanten. Nicht selten kommt es deshalb auch vor, dass zwei sich rasch fortbewegende Passanten, deren Gedanken kurzzeitig nur um ihre nächste Facebook-Statusmeldung kreisen, schmerzhaft ineinander krachen.

Der Prozess der Verinnerlichung des „ganz normalen Wahnsinns“ findet jedoch nicht nur auf den leuchtenden Avenues um den Broadway statt. Auch Straßen- und U-Bahnkünstler, die an Tag eins noch an Außergewöhnlichkeit und Originalität für mich kaum zu überbieten waren, sind urplötzlich normal. Sie gehören genauso zum Alltag, wie der 60-Jährige Opa mit rückwärtsgewandtem Cap, riesigen Beats-By-Dre-Kopfhörern und tiefen Baggypants, der lauthals die Gesangstexte seines Lieblingsrappers in der U-Bahn mit rappt oder die sportliche junge Mutti, die die Amsterdam Avenue entlang mit ihrem Kinderwagen joggt.
Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit registriert man dann auch, dass die Frage „How is it going?“ eines jedweden Starbucksverkäufers nicht darauf abzielt, ausführlich meine Lebensgeschichte hören zu wollen, sondern es sich vielmehr um eine Floskel der Höflichkeit handelt.

Sicher bin ich nach zwei Wochen immer noch alles andere als ein normaler Einwohner New Yorks, aber dennoch ist es ungemein beeindruckend, mit welch einer atemberaubenden Geschwindigkeit die außergewöhnlichen Reize, der Spirit, New Yorks, in das eigene Fleisch und Blut übergeht. Nach zweiwöchiger Feinjustierung sind meine Sinne erst jetzt vollständig dazu in der Lage, die oftmals so liebenswerten Details, die die Pracht New Yorks erst vollends zur Geltung bringen, wahrzunehmen.  Nach und nach weichen das Empire State Building, der Times Square oder der Madison Square Garden in der persönlichen Gunst den lokalen liebenswürdigen Attraktionen der Stadt wie z.B. der Erlebnisbar „Fat Cat“ in West Village oder dem „Farmers Market“ am Union Square. Zeitgleich keimt immer spürbarer der Gedanke auf, dass mein Aufenthalt in New York eigentlich erst jetzt so richtig beginnt.